„Sie werden schon erwartet, Sir. Ihre Kollegen warten dort hinten an Tisch 8.“ Die freundliche Bedienung führte mich durch den morgendlichen Wirrwarr am Frühstücksbuffet vorbei. Guo Datong und Chen Weili begrüßten mich auf Chinesisch mit einem zǎo ān, was wörtlich früher Friede, also guten Morgen bedeutet.
„Gestern konnte ich leider nicht kommen. Meine Eltern hatten mich zum Abendessen eingeladen“, entschuldigte sich Chen Weili. Ich setze mich neben sie und lächelte zurück. Guo saß mir gegenüber.
„Bitte bediene dich selbst am Buffet. Es gibt westliche und chinesische Speisen. Die meisten Ausländer essen unser lokales Frühstück ungern. Die Reissuppe mit salzigen Beilagen, frittiertes Tofu mit Sojamilch und gedämpfte Brötchen, treffen kaum den Geschmack von Fremdlingen“, grinste Guo.
Als ich mit gefülltem Teller zurück zu unserem Tisch ging, fielen mir die chinesischen Kleinkinder auf, die liebevoll von Hotelgästen gefüttert wurden.
„Warum sitzen diese Kinder bei den Europäern?“ fragte ich meine Kollegen. „Sie sind alle von westlichen Eltern adoptiert worden und verlassen demnächst China in Richtung Europa oder die USA“, klärte mich Weili auf. „Die leiblichen Eltern sind entweder verstorben oder haben ihre Kinder zur Adaption freigegeben. Kinderlose Elternpaare werden deshalb nach China vermittelt und holen dann die Babys ab. Jedes Kind erhält von den Behörden einen Gesundheitspass. Grundsätzlich ist das eine legale Angelegenheit, mit einer gewissen Grauzone“, ergänzte sie.
„Nun gut“, unterbrach Datong unser Gespräch. „Es gibt viele Dinge in China, in deren Angelegenheiten wir uns nicht einmischen sollten. Kommen wir also jetzt zu unserem Tagesgeschäft.“
„Unser Termin für die ersten Verhandlungen ist von der Ausschreibungsfirma auf elf Uhr festgelegt worden. Die beiden weiteren Anbieter sind um neun Uhr sowie um zehn Uhr bestellt worden. Wir haben also noch etwas Zeit zum Entspannen“, erklärte Guo Datong.
„Sollten wir uns nicht etwas vorbereiten?“ fragte ich erstaunt. „Entspannen können wir doch danach“.
„So machen wir es eben nicht“, warf Chen Weili ein. „Wir sind alle Professionals und kennen unsere Technologie. Heute sind wir lediglich aufgefordert unser Angebot zu erläutern und die Vorteile für den Kunden zu benennen, also unsere persönliche Geschichte zu erzählen. Das sollten wir ja beherrschen, oder?“ Ich nickte zustimmend.
„Die eigentliche Arbeit beginnt nach der ersten Verhandlungsrunde“. Guo blätterte in seinen Terminkalender. „Wir erhalten von dem Auswertungsteam etwa zehn bis zwölf Fragen, die Chen Weili mitschreiben wird. Unsere Antworten müssen wir schriftlich am nächsten Morgen bis spätestens neun Uhr bei der Ausschreibungsfirma einreichen. Deswegen ist es besser sich auszuruhen, wann immer es möglich ist, also jetzt“.
Ich sah den Sinn des Ganzen im Moment nicht ein, würde jedoch später verstehen, wie dieser Vorschlag gemeint war.
„Wir treffen uns dann gegen zehn in der Lobby“, verabschiedeten sich Guo und Weili.
Ich schloss meine Zimmertür mit der ID-Karte auf. Das Bett war schon von einem der überall herumwuselnden Heinzelmännchen zurecht gemacht und lud mich zu einem Nickerchen ein.
Erfrischt erschien ich rechtzeitig in der Lobby. Es wimmelte von Geschäftsleuten, die sich hier verabredet hatten oder abgeholt wurden. Einige hatten Werkzeugkoffer dabei. Wahrscheinlich waren es Techniker, die Anlagen in Betrieb setzen oder Reparaturen durchführen sollten. Vielleicht würden ja unsere deutschen Ingenieure auch bald hierher kommen um die von mir noch zu verhandelnde Anlage zu montieren und einzustellen. Ich war aufgeregt und nervös. Würde es mir gelingen, den hiesigen Kunden zu überzeugen und den Auftrag an Land zu ziehen? Wie werden mich meine chinesischen Kollegen bei meinen ersten Verhandlungen unterstützen? Ich hatte keine andere Wahl als Guo Datong und Chen Weili einhundertprozentig zu vertrauen, die beide, wie ein Paar, im selben Moment aus dem Fahrstuhl kamen.
„Wir nehmen die U-Bahn, dann sind wir sicher, dass wir rechtzeitig zu unseren Termin erscheinen“. Chen Weili zeigte wieder dieses angenehme Lächeln dem man, wie bei einem Kind, nicht böse sein konnte.
„Also ab ins Menschengetümmel“, dachte ich vor der Fahrt. Es entschieden sich zwar viele Mitmenschen für die Bahn, aber dieses Transportmittel lehrte mich eines anderen. Es war pünktlich, schnell und fuhr alle drei Minuten in unsere Richtung. Nach etwa 15 Minuten Fahrt und einem kurzen Fußweg über die belebte Hauptstraße erreichten wir die Büros der Ausschreibungsfirma, in der schon alle auf uns warteten.
„Gut, dass sie rechtzeitig kommen. Wenn sie bereit sind können wir sofort beginnen, denn ihre Wettbewerber sind mit ihrer Präsentation schon fertig“, dröhnte es aus einem vollbauchigen Empfangschef. Wir eilten in den dritten Stock und betraten den Konferenzraum.
Ich war wie geblendet und musste die ersten Eindrücke ein paar Sekunden verarbeiten.